…erinnern für die zukunft

…am 13.11. durfte ich (zum ersten mal) am gedenkstein für die toten der kriege und gewaltakte vor der (meiner heimat-) pfarrkirche herz-jesu in haunwöhr einen kranz im auftrag der stadt ingolstadt niederlegen und dabei eine  kurze rede halten.

…hier der redetext zum volkstrauertag 2016:

„Der Monat November ist der sogenannte Trauer- oder Totenmonat. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag sind Gedenktage, an denen sich viele Menschen an Verstorbene erinnern.
Heute erinnern wir uns an die Opfer von Krieg und Gewalt in der Vergangenheit und der Gegenwart.

Das Erinnern ist wichtig. Das Innehalten, das Gedenken. Denn, die Ursachen für Gewalt, für Krieg sind noch lange nicht verschwunden. 

„Fünf große Feinde des Friedens wohnen in uns: Nämlich Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz. Wenn diese Feinde vertrieben werden könnten, würden wir zweifellos ewigen Frieden genießen.“ Nicht meine Worte, sondern Worte aus dem 14. Jahrhundert, Worte von Francesco Petrarca, dem bedeutenden italienischen Dichter, Geschichtsschreiber und Humanisten.

Und diese Aufzählung der Feinde des Friedens stimmt immer noch.

Wer von uns (persönlich noch knapp) unter Fünfzigjährigen kann mit dem Begriff Volkstrauertag noch etwas anfangen? Wer von den unter Dreißigjährigen beschäftigt sich mit dem Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege?

Bedenken wir: Diejenigen, die von Krieg, Vertreibung, Hunger und Tod erzählen können, werden immer weniger. Mit dem Tod unserer Großeltern und Eltern verschwindet die letzte Generation, die Krieg und Faschismus noch erlebt haben.

Ist der Volkstrauertag also heute ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert? Ist er als Gedenktag noch zeitgemäß?

Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten in Zeiten einer sich immer schneller drehenden und komplizierter werdenden, auch digitalen, Welt.

Einerseits ist der Volkstrauertag seit 1952 in Deutschland ein staatlicher Gedenktag, der an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen erinnert. Andererseits ist vielen Menschen der Sinn dieses Gedenktags überhaupt nicht mehr klar.

Wenn wir es auch nicht mehr schaffen, junge Menschen für die Bearbeitung und Bewältigung geschichtlicher Fragen zu gewinnen, ihnen das, was Menschen Menschen in den beiden Weltkriegen angetan haben und was Menschen Menschen auch heute noch antun, nahe zu bringen, wird das Erinnern daran versinken im geschichtlichen Strom der Kriege und Machtkämpfe der Menschheit.

Das friedliche Miteinander in Europa – Jahrzehnte undenkbar – ist für uns und unsere Kinder zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir sind die erste Generation, die in einem dauerhaften und stabilen Frieden in Europa aufwachsen konnte.

Doch es wird nicht so bleiben, wenn wir unseren Kindern kein geschichtliches Bewusstsein mitgeben. Wenn wir es nicht schaffen millionenfaches Leid anhand menschlicher Schicksale begreifbar zu machen. Wenn wir es nicht schaffen, unseren Kindern das Mitfühlen und Mitdenken zu vermitteln, dann ist es ein Einfaches, den Populisten unserer Tage Raum und Einfluss zu gewähren.

Das heutige Gedenken verstehe ich als Chance einmal aus dem Alltag herauszuschauen und sich zu fragen: Wie groß sind meine Sorgen im Vergleich zum Leid, das unsere Vorfahren anderen zugefügt haben oder das ihnen zugefügt wurde? Nie wieder darf so etwas geschehen, sagen wir uns dann. Und wenn daraus die Kraft wächst, für ein friedliches Miteinander auch etwas zu tun – und das kann jeder einzelne von uns – dann können wir den Frieden hier bei uns, in unseren Nachbarländern, in Europa erhalten und vielleicht sogar ausweiten auf andere Erdteile.

Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz – als Urheber für Krieg und Gewalt sehen wir täglich in den Nachrichten, nicht mehr nur weit weg, sondern auch bei uns.

Wir haben auch in unserem Land einen grossen Berg von Aufgaben zu bewältigen, um das friedliche Miteinander, ja unsere Demokratie zu sichern und die globalen Herausforderungen zu meistern.

Wir dürfen dabei von unserer Demokratie keine Wunder erwarten oder gar verlangen. Sie bleibt mit Schwächen und Unvollkommenheit behaftet, und es wird immer auch Streit geben. Gleichwohl haben wir Deutschen angesichts unserer katastrophenreichen jüngeren Geschichte allen Grund, mit Zähigkeit an unserer Demokratie und an unserem sozialen Rechtsstaat festzuhalten, sie stetig zu erneuern und ihren Feinden immer wieder tapfer entgegenzutreten. 

Lassen sie uns gemeinsam für unsere offene Gesellschaft eintreten. Sie zeichnet uns aus und nur wenn wir darin einig sind, nur dann behält der Vers von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ auch weiterhin seine Berechtigung.“

(foto: pfarrei herz-jesu)

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