…eine sonntagspredigt, der missbrauch und die grünen

nun hat es ein paar tage gewirkt. doch das unbehagen ist nicht weniger geworden. aber erst einmal der reihe nach:

letzten sonntag in der messe: der pfarrer meiner örtlichen pfarrei predigt über die sich diese tage immer weiter ausdehnenden missbrauchsfälle in den reihen der katholischen priesterschaft und in kirchlichen einrichtungen.

neben den in der aufarbeitung schon bekannten argumenten (geringer gesamtprozentsatz, gesamtgesellschaftliches problem) nimmt er sich namentlich dann auch noch drei personen bzw. gesellschaftliche gruppen heraus: beginnend mit alois glück, weiter über die humanistische union und deren mitglied bundesjustizministerin sabine leutheuser-schnarrenberger kommt er dann auch zu den grünen.

die nachdrücklichen forderungen nach aufklärung und konsequenzen innerhalb und außerhalb der kirche, namentlich vorgetragen von claudia roth, werden in eine verbindung mit sehr problematischen positionen und aussagen der frühen grünen in den 80er jahren zum sexualstrafrecht gebracht.

verwunderung macht sich augenblicklich breit. was haben aussagen aus den reihen der grünen in den 80er jahren mit den nun offenkundig werdenden missbrauchfällen zu tun? woher kommt diese sonderbare verknüpfung?

nun ist unser pfarrer offenbar ein reger netznutzer. denn nach kurzer suche tut sich seine (vermutliche) quelle kund. auf spiegel online findet man in einem artikel vom 19.02.2010 den (einen) geistigen vater der verknüpfung (vgl. auch den blog „unterlinken“)

jan fleischhauer, redakteur beim spiegel, hat sich nämlich in die archive begeben und forderungen der damaligen grünen nach lockerungen im sexualstrafrecht gefunden. diese fordungen, so der schluss von jan fleischhauer, würden es den heutigen grünen und namentlich der vorsitzenden claudia roth massiv erschweren, offensiv auf die katholische kirche zuzugehen und die dortigen missbrauchsfälle anzuprangern. denn wer in einem glashaus sitzt, der…

was für ein fehlschluss! zunächst sind die forderungen aus den 80er jahren meines wissens schon ganz lange zeit nicht mehr positionen der grünen. zweitens ist es ein fundamentaler unterschied zwischen ehemaligen (hochproblematischen) politischen forderungen, den heute handelnden personen und einem tatsächlichen, moralisch und strafrechtlich verwerfbaren, verhalten, wie es nun zu hauf in den reihen der katholischen kirche zu tage tritt.

doch umso dankbarer wird die argumentation von jan fleischhauer als teil einer rechtfertigungsstrategie aufgenommen.

ja, gut ist, dass sich nun die bemühungen der kirche zunächst auf eine betreuung und entschädigung der opfer konzentrieren. ja, richtig dürfte auch sein, dass das zölibat, nicht als alleinige ursache des schrecklichen phänomens verantwortlich gemacht werden kann, aber doch einen beitrag dazu leistet (vgl. den gastbeitrag von hans küng vom 17.03.2010 auf sueddeutsche.de)

doch zur eigenen rechtfertigung oder auch nur als erklärungsmodell auf andere – zugegeben konträre und schwierige – positionen zu verweisen zeugt von mangelnder eigenerkenntnis, tatsächlicher umkehr und noch mangelnder wirklicher demut vor den opfern, so nachvollziehbar die verteidigung der „burg“ katholische kirche auch sein mag.

und dann gibt es da noch sehr bemerkenswerte reisewege des artikels von jan fleischhauer:

da wird der artikel zunächst auf der seite „die grüne pest“ als ausgangspunkt für eine diskussion benutzt. jetzt sind mit der „grünen pest“ aber nicht die grünen an sich gemeint, sondern die seite ist schlichtweg – so verrät es auch unschwer der untertitel – ein mehr oder weniger dumpfes antislamisches forum. vielleicht sollte sich – analog zu einigen wahlplakaten der npd in den vergangenen wahlkämpfen – hier mal die zuständige staatsanwaltschaft umschauen.

und dann wird schließlich der artikel auch noch mit martialischer sprache (claudia roth als „frontfrau“) auf der seite der „deutschlandwoche“ mit spürbarer genugtuung zitiert.

alles in allem ziemlich verstörend. manchmal wäre halt ein spaziergang an der frischen luft für einen klaren blick besser, als der gang ins archiv.

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